Unterwegs im Norden Madagascars

Auf den Spuren der Sifaki und Lemuren...

Nachdem wir – Martin und Katrin Winter - schon monatelang auf den ersten Urlaubstag gewartet hatten, ging es Anfang November 2008 endlich los ins große Abenteuer Madagascar. Obwohl wir schon einiges von der Welt gesehen haben, empfanden wir das fünftärmste Land der Welt doch als eine besondere Herausforderung. Die erste Nacht verbrachten wir bei Manfred, unserem Motorradverleiher in Antananarivo (Tana). Sein kaltes Bierchen war nach dem Flug eine sehr nette Willkommensgeste.

2008_11_11_0098-300Morgens machte Manfred erstmal unsere Enduro flott und gab Martin eine Einweisung in die Besonderheiten der alten Dame. Sie war gepflegt, hatte aber schon 13(?) Jahre auf dem Buckel. Sie war zäh und kapitulierte nur einmal fast am Ende der Tour. Dazu aber später mehr. Auch für die Sozia war sie ganz bequem, was ja nicht immer selbstverständlich ist. Am frühen Nachmittag des nächsten Tages ging es dann los in den Norden. Nach genau zwei Wochen wollten wir uns dann in Ankify zur Motorradübergabe wieder mit Manfred treffen.

 

Einige allgemeinen Informationen vorweg:

 

2008_11_15_0271-300In zwei Wochen insgesamt knapp 2900 km zu fahren, ist prinzipiell der Wahnsinn. Wir standen vor der Wahl, weniger zu fahren und die einzelnen Orte genauer zu erkunden oder uns einen Überblick zu verschaffen und dafür mehr zu fahren. Das muss letztlich jeder für sich entscheiden. Wir wählten die zweite Variante und beschlossen, einfach noch einmal wiederzukommen, um das eine oder andere intensiver zu erleben. Dann aber mit Zelt und entsprechender Ausrüstung, dann werden auch Übernachtungen direkt in den Nationalparks und mehr Wanderungen mit im Programm sein.

Es war nie ein Problem ein Hotel zu finden. In den größeren Städten gibt es eine breite Auswahl an Hotels verschiedener Preisklasse, in den kleineren Orten mussten wir manchmal nehmen, was es gab. So zahlten wir für die Übernachtung im Doppelzimmer von 4,50€ bis 100€. Diesen Preisunterschied merkte man dann auch ganz eindeutig an der Ausstattung... J

Tankstellen sind eigentlich kein Problem. Wir tankten für alle Fälle immer dann, wenn wir an einer vorbeikamen und sind sehr gut damit gefahren. In der Straßenkarte waren manchmal welche eingezeichnet. Sie existierten aber nicht immer.

Die einzelnen Etappen:

Tana – Ankazobe (ca. 80 km, gute Straße)

Unsere erste Etappe hatten wir als Eingewöhnung geplant – zur Mittagszeit ging es durch eine hügelige Graslandschaft mit Reistälern ins verschlafene Städtchen Ankazobe, das wir zunächst dreimal vergeblich auf der Suche nach einem Hotel durchquerten. Irgendwann erbarmte sich ein Madagasse und vermittelte uns an eine alte Dame, die uns wiederum zu einem Hotel führte. Wir hatten dabei die erste Etage für uns, ins Erdgeschoss zog kurze Zeit später noch ein Pärchen ein, das war´s. Kurze Zeit später zog ein Gewitter vorbei, das die einfache Straße direkt mit Pfützen übersäte.

Ankazobe – Mahajanga (510 km – eigentlich ein Wahnsinn trotz guter Straße)

2008_11_09_0049-300Am nächsten Tag brachen wir früh auf, direkt in die kühlen, nebligen und kahlen Grassteppenberge. Nicht nur wir froren, auch die Madagassen, an denen wir vorbeifuhren, waren dick eingepackt. Als es später etwas aufklarte, staunten wir über die unendliche Weite des Landes. Erster Stopp war Maevatanana, ein trubeliges kleines Städtchen. Die Weidehügel zogen sich weiter, bis der Fluss Betsiboka zu überqueren war: über mehrere Stufen stürzte der rotbraune Fluss hinab ins Tal – gigantisch.

 

2008_11_09_0053-300Spannend war aber auch die (Metall-Brücke, die bereits an mehreren Stellen durchgefahren und geflickt war (oder auch nicht). Also, insbesondere als Motorradfahrer bitte aufpassen, sonst legt Ihr Euch entweder hin oder fahrt in eine scharfe hochstehende Metallkante! Die Strecke nach Ambondromany war gut zu fahren, bot landschaftlich aber wenig Abwechslung. In dieser Gegend, in der es riesige Mangobäume gibt, findet man alle paar hundert Meter Stände, an denen Mangos in allen Varianten verkauft werden. Nachdem es bisher eigentlich nur nach Norden ging, bogen wir auf der RN4 nach Westen ab, fuhren am Naturreservat von Ankarafantsika vorbei, Richtung Mahajanga an der Westküste. Die Landschaft änderte sich (endlich), Reisfelder soweit das Auge sehen kann, später atemberaubende Blicke von der Höhenstraße bis zum Meer. Die Straße war gut zu fahren, trotzdem rannte die Zeit. In der Dämmerung in Mahajanga erst ein wenig einladendes sog. „Hotel“ angeschaut und schließlich noch glücklich in der „CocoLodge“ gelandet – ein kleines, sehr gepflegtes Hotel unter französischer Leitung.

Am nächsten Tag waren Mahajanga und Umgebung angesagt. Erstmal frühstückten wir gemütlich in einer Patisserie und sogen das Alltagsleben der Madagassen auf: Pousse-Pousse-Fahrer, Papayaverkäuferinnen, reiche Madagassen beim Einkauf, arme Menschen, spielende Kinder... Mit dem Motorrad erkundeten wir dann die Gegend. Leider scheiterten wir relativ schnell, sobald es von den Hauptstraßen abging aufgrund der schweren Maschine. Die kleinen, in der Regel steinigen, sandigen oder lehmigen Pisten setzten uns Grenzen. Auf der Suche nach einer Sehenswürdigkeit, dem Circle Rouge sind wir leider immer wieder in einer Sackgasse gelandet. Da wäre es wohl doch gut, sich mit dem Taxi hinfahren zu lassen. Apropos Taxis: Sie sind gelb oder weiß, aber meistens alte Peugeots oder Renaults, die in Deutschland schon längst keinen TÜV mehr hätten. Der Sonnenuntergang, der sehr gut von der breiten Strandpromenade zu betrachten ist, war ein Traum.

Mahajanga – Ampijoroa (115 km)

Nach dem Frühstück nahmen wir uns für den Rückweg zum Nationalpark d´Ankarafantsika etwas mehr Zeit. Wir hielten immer wieder an, um die Landschaft zu bewundern und Fotos zu machen. Gegen Mittag kamen wir erwartungsvoll im Nationalpark an und wurden direkt von einer Gruppe Sifakis begrüßt. Als wir ein Zimmer mieten wollten kam die Enttäuschung: ausgebucht. Wir hatten zwei Tage vorher gefragt, ob wir ein Zimmer reservieren sollten. Nein, nein, das sei nicht nötig, war die Antwort. Mit der amerikanischen Reisegruppe, die am Vormittag gekommen war, hatten sie wohl nicht gerechnet. Also, wenn Ihr dort übernachten möchtet, reserviert auf alle Fälle oder nehmt ein Zelt für den zugehörigen Campingplatz mit. Wir mussten dann nämlich erstmal ins nächste Dorf Ampijoroa fahren, um ein Hotel zu suchen. Wir fanden das „Hotel Harisoa“, eine sehr sehr einfache Unterkunft... Aber so kamen wir mal in Kontakt mit der madagassischen Landbevölkerung. Der Wirt erzählte Martin am Abend noch seine Lebensgeschichte und die Probleme, die das Land seiner Ansicht nach hat: Alkohol und Arbeitslosigkeit.

2008_11_11_0124-300Am Nachmittag und Abend ging es dann jeweils auf eine Tour durch den Nationalpark. Mit Hilfe unserer sympathischen Führerin Olga entdeckten wir viele Tiere und Pflanzen, an denen wir mit ziemlicher Sicherheit einfach vorbeigestolpert wären. Eine Ausnahme gab es jedoch: die zahlreichen Sifakis waren mindestens so neugierig wie wir und beäugten uns immer ganz interessiert, wenn wir vorbei kamen. Das Essen im zugehörigen Restaurant ist leider nicht zu empfehlen. Wir sind wirklich nicht wählerisch, aber die Hälfte des Steaks mussten wir an den Hund verfüttern – die Schuhsohle war nicht runter zu würgen und auch der Hund kaute eine ganze Weile daran.

 

Ampijoroa – Ankify (550 km, davon 50 km auf echt schlechter Straße)

2008_11_12_0149-300Die Nacht war der Knaller – schwülwarm, viele unbekannte Geräusche von irgendwelchen Tieren, ein den Vollmond ankrähender Hahn und ein Handy im Nachbarzimmer, das jede Stunde klingelte. Also, wieder früh auf den Weg gemacht, bis nach Ambondromamy und dann nach Norden abgebogen. Zunächst ging es zügig voran durch das schon bekannte Weideland, etwa 30 km vor Port Bergé wurde die Straße jedoch zunehmend schlechter. Mal mussten wir Schlaglöchern ausweichen, mal kleine, nicht geteerte Umleitungen nehmen, weil z.B. ein Stück der Straße eingesackt war. So haben wir bis Port Bergé etwa eine Stunde gebraucht. Eine Tankstelle zu finden, war hier gar nicht so leicht. In einem kleinen Haus wurde uns dann geholfen. Hinter dem Städtchen ging es dann zum Glück wieder besser voran – die Landschaft wurde durch die Mais-, Reis- und Tabakfelder etwas grüner. Zwischen Antsohihy und Ambanja kam dann völlig unerwartet – das landschaftlich schönste Stück der bisherigen Tour! Es wurde grün, bewaldeter und zunehmend hügeliger. Die tolle, neu asphaltierte Straße bot immer wieder ein super Farbenspiel aus roten Felsen, grünen Wäldern, blauem oder dunklem Himmel (denn am Horizont braute sich ein Gewitter zusammen). Das Licht war dadurch grandios. Durch Ambanja fuhren wir erstmal durch, um schnell nach Ankify zu fahren, wo wir die Nacht verbringen wollten. Haha, guter Witz – immer wenn man in Madagascar dachte, noch schnell etwas zu tun, kam es garantiert anders. Erstens war die Straße schlecht und durch den Regen (der uns netterweise verschonte) ziemlich matschig, zweitens gab es keine Beschilderung, so dass wir uns durchfragen und auch einmal umkehren mussten. Mit der Dämmerung trafen wir dann kaputt, aber glücklich am „Hotel Baobab Tree“ ein. Wir wurden herzlich begrüßt, waren wir doch zu diesem Zeitpunkt die einzigen Gäste und bekamen einen Bungalow direkt am Strand. Das Abendessen war lecker, wir saßen auf einer offenen Veranda mit direktem Blick aufs Meer und Nosy Komba und machten Bekanntschaft mit zwei Franzosen, die mit richtigen Geländemaschinen unterwegs waren.

Ankify – Diego Suarez (250 km, gefühlte 500)

Nach einer erholsamen Nacht raschelten auf einmal am frühen Morgen die Palmen vor dem Bungalow. Als wir nachsahen, woher der plötzliche Lärm kam, waren wir doch sehr erstaunt. Eine Gruppe brauner Lemuren sprang von Palme zu Palme – irgendwie unwirklich, aber doch real! Nach dem Frühstück ging es dann die „Buckelpiste“ zurück nach Ambanja. Da wir heute wussten, was uns erwartet, konnten wir auch den einen oder anderen Blick schweifen lassen (zumindest ich als Sozia...), was sich durchaus lohnte. Zunächst ging es durch Mangrovenwälder, später vorbei an Bananen-, Mango- und Kakaoplantagen. Nachdem wir uns auf dem Markt von Ambanja etwas umgeschaut und die Kirche besichtigt hatten, ging es Richtung Diego Suarez. Die Straße war prinzipiell in Ordnung, aber immer wieder kamen Schlaglöcher und schlechte Passagen, so dass wir nicht so schnell voran kamen wie erhofft. Außerdem knallte die Sonne vom wolkenlosen Himmel und Schatten gab´s auch nicht. Wir durchquerten Ambilobe, ein lebhaftes Durchgangsstädtchen mit einigen europäischen Gesichtern und machten auf dem Weg am Eingang zum Nationalpark L´Ankarana eine kurze Pause. Wir informierten uns über einen Besuch einige Tage später, zu dem es leider nicht mehr kam. Aber dazu später mehr. Endlich in Diego Suarez angekommen fielen wir direkt im ersten Haus des Ortes ein und wurden fürstlich empfangen, nachdem sie erfahren hatten, wie wir unterwegs waren... Schöne Ausblicke auf den „Zuckerhut“ und das türkisfarbene Wasser.

2008_11_14_0206-300Nachdem Martin am Vortag kaum noch sitzen konnte, erkundeten wir am nächsten Tag Diego Suarez und die Umgebung. Am Vormittag war Sightseeing angesagt. Wir bummelten durch die überschaubaren Straßen und Gassen der vergleichsweise ruhigen Stadt und sogen mal wieder madagassischen Alltag in uns auf, während wir in einem Straßencafé saßen. Am Nachmittag fuhren wir dann die Straße weiter Richtung Osten nach Ramena und Orangea zu einem alten Militärstützpunkt, der seit langer Zeit verlassen ist. So holt sich die Natur schrittweise ihr Recht zurück und überwuchert die alten Ruinen. Auf dem Weg zur Baie de Dune scheiterten wir leider wiedermal am sehr sandigen Pfad, für den das Motorrad zu schwer war. Uns blieb nichts anderes übrig als umzukehren, die Baobab am Wegesrand und die Landschaft in der langsam untergehenden Sonne zu bewundern. Zum Abendessen fuhren wir noch einmal nach Diego Suarez – wir hatten am Vormittag das „Le Melville“ entdeckt, ein kleines kulinarisches Highlight: der Platz direkt am Wasser sehr schön, der Service aufmerksam, das Essen lecker, der aufgehende rote Vollmond faszinierend, nur am madagassischen Weißwein müssen sie noch üben – der war selbst als Schorle kaum genießbar... J.

Diego Suarez – Joffreville (NP Montagne d´Ambre) (90 km)

2008_11_15_0247-300Morgenstund´ hat Gold im Mund: also machten wir uns früh auf den Weg, um den „Montagne de Francais“, einen kleinen Berg in der Nähe unseres Hotels zu besteigen. Eigentlich wollten wir auf eigene Faust losziehen, aber wir bekamen von der King´s Lodge eine persönliche Leibgarde aus zwei Führern und drei Hunden zusammen gestellt. Sie führten uns zügig den Berg hinauf, so dass wir trotz eigentlich angenehmer Temperaturen ordentlich ins Schwitzen kamen. Uns eröffneten sich immer wieder tolle Blicke über die Bucht von Diego Suarez und den Zuckerhut. Nach einem einfachen Frühstück nahmen wir den Kampf mit den Sandwegen nochmals auf und schafften es wenigstens bis zur Baie de Sakalava, einem Surfparadies. Leider war Ebbe als wir dort waren, so dass uns die Surfshow verwehrt blieb.

2008_11_16_0306-300Auf guter Straße ging es dann gemütlich bis zur „Nature Lodge“ in der Nähe von Joffreville. In dieser ruhigen, gepflegten Bungalow- Gartenanlage quartierten wir uns für zwei Nächte ein, um am nächsten Tag den Nationalpark „Montagne d´Ambre“ zu erkunden. Gesagt, getan. Am folgenden Morgen brachen wir mit einem Führer (ohne darf man gar nicht rein!) zur großen Tour auf, die ca. 12 km durch Regenwald ging. Wir erfuhren viel über die heimische Flora und Fauna. Besondere Attraktionen waren das kleinste Chamäleon der Welt und ein „platter Gecko“, der sich täuschend echt an Baumstämme anpasst. Und natürlich wieder zahlreiche Lemurenfamilien mit Babys. Ein lohnenswerter Ausflug!

 

Joffreville – Vohemar (300 km, davon 160 km einfachste Piste)

2008_11_17_IMG_1958-300Unser Motorradverleiher Manfred meinte zu Beginn unserer Reise, wir könnten doch auch einen Abstecher an die Ostküste machen. Die sei bekannt für ihre Vanille und die dichten Wälder. Ich als absoluter Back- und Pflanzenfan war sofort dabei, waren die Hauptstraßen bisher ja nicht so das Problem gewesen. Es ging zurück nach Ambilobe, wo wir tankten und den Tankwart nach der richtigen Abzweigung und der Fahrtdauer nach Vohemar fragten. Er schätzte für die anstehenden 150km 5 Stunden und empfahl uns, uns gut vorzubereiten. Die Polizeikontrolle einige Kilometer weiter sprach von 6-7 Stunden mit dem Motorrad, Wagen mit Vierradantrieb bräuchten länger, aber wir würden das schon schaffen. Die ersten 20 Kilometer waren rote Lehmpiste mit einigen Schlaglöchern. Nicht sehr komfortabel, aber machbar (zumindest so lange es trocken war). Danach folgten sehr lange 140km über Steine, durch Sand, Matsch oder getrocknete Fahrrillen – bergauf, bergab. Jedesmal, wenn es schien als würde es etwas besser werden, kam die nächste Hammerstelle. Unser Schnitt lag bei 25km/h, so dass wir erst 6,5 Stunden später wieder Asphalt unter den Rädern hatten. Bis dorthin wechselten sich auch hier grüne und karge Ebenen ab, manchmal unterbrochen von einigen Bergen in der Ferne. Zum Glück war es tagsüber oft bewölkt, sonst wären wir bei dem Schneckentempo ziemlich verbrutzelt. In Vohemar übernachteten wir in einem einfachen, nicht sehr sauberen Bungalow des „Sol y Mar“ und machten Bekanntschaft mit unserer Quotenkakerlake (der ersten in diesem Urlaub).

Vohemar – Sambava (170 km, meist gute Straße)

2008_11_18_IMG_1971-300Nach der Tortur am Vortag war die meist sehr gute Straße nach Sambava eine Spazierfahrt. Zunächst ging es durch Weideland der Rinder, dann wurde es zunehmend grüner, hügeliger und bewaldeter. Tolle Szenen mit sattgrünen Reisfeldern vor dunklen Bergen wechselten sich mit lebhaften Ortschaften ab. Der Ruf der Kinder „Waasaa“ (Bezeichnung für Fremder) oder „Motomoto“ begleitete uns die gesamte Strecke. Was zu Beginn der Reise die Mangobäume waren, waren in diesem Abschnitt die riesigen, zahlreichen Litschibäume. Wir hatten uns nie Gedanken gemacht, wie Litschis eigentlich wachsen. Natürlich fanden sich jetzt überall Litschiverkaufsstände am Straßenrand. An einem hielten wir und kauften köstliche Litschis – und waren die Attraktion der Woche für die alte Verkäuferin und deren Familie. In Sambava fuhren wir direkt zu „Sambava Voyages“ und trafen auf die Besitzerin Madame Yvette, eine herzliche, lebenslustige Frau. Sie vermietete uns ein Zimmer in ihrer kleinen Pension mit Familienanschluss und Halbpension. Am Nachmittag ging es dann in einem kleinen alten klapprigen R4 auf Erkundungstour: Vanillefabrik, Pfeffer-, Nelken- und Kaffeefelder. Das madagassische Abendessen bei Madame Yvette – natürlich mit Vanille und Pfeffer – war super lecker. Wir erfuhren von der ehemaligen Lehrerin viel über die madagassische Lebensweise, ein wertvoller Abend.

 

Sambava – Andapa – Sambava (220 km)

2008_11_18_0346-300Der Tagesausflug nach Andapa bestach durch superschöne Landschaft. Manfred sollte Recht behalten: Reisfelder, grüne Berge, Regenwald, hügelige Straßen,... die Strapazen über die Buckelpiste hatten sich gelohnt!! Leider verschwanden die Berge am Nachmittag im Dunst der Feuer, die die Madagassen zur Rodung der Felder und der Vernichtung von Reisinsekten gelegt hatten. Die Straßen waren super. Das Abendessen bei Madame Yvette war wieder ein Gedicht. Sie verriet mir sogar ein Rezept zum Nachkochen.

 

 

Sambava – Ambilobe (280 km + 20 km auf einem Pickup – Willkommen in der Schlammhölle)

Am nächsten Morgen starteten wir früh, um möglichst viel Zeit für die anstehende Ost-West-Passage zu haben; wussten wir ja, was uns erwartete – dachten wir zumindest... Anfangs lief es sehr gut. Die Strecke bis Vohemar schafften wir in zweieinhalb Stunden und auch die Piste Richtung Westen ließ sich anfangs ganz gut fahren. Doch bald kamen kleine und größere Schlammstellen für fortgeschrittene Motorradfahrer. Das erste Mal stutzten wir, als ein normales Auto achstief im Schlamm versank und es doch irgendwie bis ans andere Ende des Lochs schaffte. Kurzer Halt im Dorf Daraina, um uns mit einem einfachen Essen zu stärken. Eine gute Idee, denn danach ging es ordentlich zur Sache.

2008_11_20_IMG_1974-3002008_11_20_IMG_1980-300Eine lange Matschpassage war nur durch das Vorlegen von Stöcken und Martins vollen Körpereinsatz zu schaffen. Ich übte mich im Motorradauf- und -absteigen und versuchte, mich irgendwie am Wegesrand durch das Gebüsch zu drücken, um nicht stiefeltief im Schlamm zu versinken. Und so ging es die vielen Kilometer weiter. An den „Bergen“ ging es meist, aber die Ebenen bestanden aus lehmigen, schlammigen Stücken. Es musste hier die letzten drei Tage wohl geregnet haben, an der Ostküste war schönstes Wetter gewesen. Auf den letzten 50 km überholten wir einige Doppelhänger-LKW´s, die insbesondere auf den steilen Stücken kaum voran kamen und deren Reifen von fleißigen Begleitern immer wieder frei geschaufelt wurden. In der Ferne baute sich in der Zwischenzeit langsam eine graue Regenwand auf – Martin holte bei den Straßenverhältnissen alles aus der Maschine heraus, damit wir noch vor dem Regen Ambilobe erreichen würden. Doch nachmittags um halb vier und 20 km vor der Stadt war Schluss. Es hatte angefangen zu regnen und die Piste verwandelte sich innerhalb kürzester Zeit in eine Schmierseifenbahn, so dass das Motorrad an einer kleinen schrägen Steigung einfach wegrutschte und wir es noch sanft ablegen konnten. Was nun? Hilfe nahte in mehrfacher Form. Die zwei Insassen eines Jeeps, der uns schon eine ganze Weile begleitet hatte, halfen uns im strömenden Regen, das Motorrad wenigstens aufzurichten. Kurze Zeit später tauchte einer der schweren LKW´s auf und musste an unserem Motorrad vorbei. Also fassten die „Schaufeljungs“ kurzer Hand mit an und schoben Martin die 100 Meter den Hügel hinauf, bis das Motorrad auf einer kleinen Steinplatte sicher abgestellt werden konnte. Wie gut diese Aktion war, zeigte sich sehr schnell. Der LKW kam ins Rutschen und hätte unser Motorrad gnadenlos unter sich begraben; er benötigte für die 100m im strömenden Regen 45 Minuten, bis er endlich oben war. Wir beobachteten das Spektakel und hofften zu diesem Zeitpunkt - naiv wie wir waren - noch darauf, dass der Regen sicher bald aufhören würde. Nach einiger Zeit war uns klar, dass an Weiterfahren an diesem Tag wohl nicht mehr zu denken war. Während Martin sich auf den Weg machte, um eine Plane oder etwas ähnliches als Zeltersatz für die Nacht zu organisieren, blieb ich bei unserem Motorrad und dem Gepäck, das wir zum Schutz unter einen Mangobaum gebracht hatten.

2008_11_20_IMG_1986-300Die Zeit verging, es regnete weiter, einige Fußgänger, Radler und ein Pick-Up kamen am Motorrad vorbei und beäugten es neugierig. Auf einmal kam der Pick-Up zurück – mit Martin an Bord. Martin hatte ihn angehalten und gebeten umzukehren, um das Motorrad aufzuladen und uns mitzunehmen. Es war wie ein kleines Wunder: ein leerer Pick-Up ist in Madagascar sehr selten; auch, dass er so spät noch unterwegs war – es dämmerte langsam – war eher untypisch. Außerdem war er mit drei Männern besetzt, wovon einer fließend Französisch sprach. Wir waren so dankbar, dass er für uns bei diesen Verhältnissen umdrehte!! Das Motorrad wurde aufgeladen, mit der „method malgache“ fest verzurrt (einer der Männer knotete in Windeseile aus starken, länglichen Blättern einen bombenfesten Gurt, wir staunten nur völlig überfordert) und los ging´s. Martin drückte während der Fahrt das Motorrad zur Sicherheit noch auf den Ständer, ich saß gemeinsam mit einer madagassischen Passagierin auf der Ladefläche und hoffte, dass der Fotoapparat unter meiner Regenjacke trocken blieb. Es regnete weiter, der Weg war eine einzige Schlammloch-Seen-Wüste. Der Wagen schlitterte, es holperte ständig, aber: wir kamen nach über einer Stunde (für 20 km!!) völlig durchnässt, aber erleichtert in Ambilobe an. Die Männer halfen, das Motorrad abzuladen und brachten mich noch bis zur Tankstelle, an der wir das Gepäck unter einem Dach abstellen konnten (was mittlerweile aber völlig egal gewesen wäre). Direkt neben der Tanke lag das „Noor Hotel“, in dem wir glücklicher Weise ein Zimmer bekamen und auch unser Motorrad sicher unterstellen konnten. Der Fotoapparat war trocken geblieben, das war aber auch so ziemlich das Einzige. Wir versuchten, die nassen Klamotten notdürftig im Zimmer und auf der überdachten Terrasse aufzuhängen. Nach einigen Bierchen und einem einfachen Abendessen fielen wir total erledigt ins Bett! Nun wussten wir, warum die Straße während der Regenzeit von Januar bis April als unpassierbar gilt!!

Ambilobe – Ankify (130 km)

Wir erwachten, als es hell war und die Straßen schon voller Leben: es war halb sechs am Morgen! Martin konnte den Nachtwächter des Hotels zum Motorradputzen engagieren – die Farbe war vor lauter Lehm und Dreck kaum noch zu erkennen. Die Klamotten trockneten derweil in der Sonne und wir trödelten vor uns hin. Als wir dann das Motorrad starten wollten, erwartete uns eine unerfreuliche Überraschung: es sprang nicht mehr an. Nachdem einige Männer sich Gedanken über mögliche Ursachen gemacht hatten, aber wenig aktiv wurden, baute Martin mit einem Helfer die Batterie aus, füllte sie mit Wasser auf und gab sie dem Mechaniker zum Aufladen mit. Damit hatte sich unser Plan, den Nationalpark von L´Ankarana zu besuchen, erledigt. Um die Mittagszeit konnten wir dann schließlich doch noch aufbrechen – das Motorrad schnurrte wieder. Die Reise auf der geteerten Straße nach Ambanja empfanden wir als puren Luxus und hatten Freude daran, mehrere Chamäleons dabei zu beobachten, wie sie über die Straße stakten. Obwohl wir schon einige gesehen hatten in den vergangenen Wochen, war es immer wieder etwas Besonderes. Die Pfützen auf dem Weg nach Ankify raus waren größer geworden, so dass Slalomfahren angesagt war. Aber auch das nahmen wir gelassen hin – es war verglichen mit den Strapazen vorher eine kleine Übung. Im „Baobab Tree“, in dem wir uns wieder einquartierten, durften wir die zum Teil noch feuchte Wäsche aufhängen, so dass die Kleider durch den Wind blitzschnell wieder trocken waren. Am Abend fing es an zu regnen und zu gewittern, so dass die Blitze die umliegenden Inseln immer wieder auf geheimnisvolle Art beleuchteten.

Nach einer erholsamen Nacht verbrachten wir den Vormittag am hoteleigenen Strand, bis unser Motorradverleiher Manfred zum Abholen der Maschine eintraf. Kurze Übergabe des Motorrads, denn unser Shuttleboot nach Nosy Komba wartete schon. Während wir noch vier traumhafte, erholsame Tage auf der kleinen vorgelagerten Insel verbrachten, fuhr Manfred sein Motorrad zurück nach Antananarivo, wo wir uns einige Tage später vor unserem Abflug noch einmal trafen und lecker bekocht wurden.

Fazit

2008_11_10_0072-300Wir haben Madagascar als farbenfrohes Land wahrgenommen und tauchten direkt ein in diese neue Welt. Der Alltag in Deutschland war schlagartig ausgeschaltet. Die zwei Wochen auf dem Motorrad waren sehr, sehr abwechslungsreich. Wir haben viel über Madagascar und seine Bewohner gelernt und sind voller neuer Eindrücke zurück gekehrt. Oftmals gab es Situationen, in denen ich dachte: das ist jetzt wie in der Fernsehserie „Unsere kleine Farm“, nur nicht mit Pferde-, sondern mit Ochsenkarren. Die Hauptstraßen waren mit der Enduro ohne weiteres zu bewältigen. Die kleineren Straßen in den und um die Ortschaften, die nicht geteert waren, sind mit dieser Art Motorrad jedoch nur bedingt befahrbar. Manchmal hätten wir uns eine richtige Geländemaschine gewünscht. So mussten wir einige Dinge von vornherein ausschließen. Ohne Französisch kommt man in Madagascar nicht weit. Und trotz guter Kenntnisse wurde es auf dem Land manchmal schon schwierig. Aber dennoch durften wir stets offene, hilfsbereite und stolze Madagassen kennen lernen, die sich freuten, wenn wir versuchten, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Und letztlich hat uns dieser Urlaub wieder etwas geerdet und gezeigt, worum es im Leben eigentlich geht und wie gut wir es in Deutschland haben. Eine Tatsache, die im hektischen Alltag leider allzuoft untergeht...

Eines steht jedenfalls fest: Madagascar – wir kommen wieder!!

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